Tag am See – Der Hauch von Freiheit

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Wann haben Sie eigentlich zum letzten Mal einen Tag am See verbracht und die Eindrücke auf sich wirken lassen? Ich habe einen nachdenklichen Tag am See erlebt, der diese elementare Frage aufgeworfen hat:

Leben wir wirklich in Freiheit?

Ein Tag am See
Ein Tag am See

Mehr, als nur ein Tag am See!

Das Leben hat sich verändert. Irgendwie. Alles ist geregelt. Menschen müssen so, so oder so sein. Sie müssen sich so, so oder so verhalten. Alles ist reguliert. Verboten. Ordnungswidrigkeit. Straftat. Und wenn man glaubt, etwas wäre erlaubt, lässt sich doch irgendwo Kleingedrucktes finden, mit dem vermeintlich Erlaubtes geregelt wird. Alles, was zu unserem vollendeten Glück noch fehlt, ist ein Paragraph, der uns vorschreibt, wie das Toilettenpapier gefaltet sein muss, wenn wir auf dem Klo sitzend den Hintern abputzen.

Ja, Regeln haben Vorteile. Sie nehmen das Denken ab. Der Preis für die Ordnung, die man damit zu schaffen vorgibt, die Aufgabe von Freiheit. Und damit auch jene Verantwortung, die Menschen tragen könnten und sollten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und nimmt Regeln offenbar dankbar an, um jeglichen Freigeist aufzugeben. Eine Regel ist gut. Immer. Ganz gleich, wie schwachsinnig sie ist. Belohnt wird der, der sich unterordnet, nicht eigenständig denkt und keine Regeln hinterfragt. Er wird belohnt, indem er in Ruhe im Gleichschritt parieren darf. Wer auf Missstände hinweist, Unrecht anprangert, sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzt, hat die Arschkarte gezogen. Ein Tag am See hat mir bewusst gemacht, dass Menschen sehr wohl auch ohne Regeln leben können. Sogar besser. Ein Hauch von Freiheit war spürbar, an diesem einen Tag am See – an dem jeder einfach das machte, was er wollte.

Idylle ohne Regeln
Idylle ohne Regeln: Die Natur braucht keine Regeln, um perfekt zu sein

Inmitten des Chaos: Ein Tag am See

Das Thermometer zeigt 38°; kein Fitzelchen Wind. Für die Einen perfektes Sommerwetter, für die Anderen unerträgliche Schwitzkur. Ab nach draußen. Ein Tag am See. Einfach so hinfahren, Kühltasche mitnehmen Decke ausbreiten, sich eine Auszeit gönnen. Mitten in der Woche. Die To-Do Liste auf Igno setzen. Ein Tag am See? Sonst nicht mein Programm. Doch hat dieser eine Tag am See etwas ganz besonderes. Ein lebendiger Tag. Ein Tag in Freiheit. Es ist Ruhe. Ein Tag ohne Regeln, ein Tag ohne Do´s & Don´t´s. Ein Tag, an dem alle machen, was sie wollen. Zusammen mit einem Menschen, dem Freiheit ebenfalls keine Angst macht. Zusammen mit vielen Menschen, die an diesem Tag am See auf Regeln und Verpflichtungen pfeifen. Kein Facebook, keine Mails, keine To-Do-Liste, keine Pflichten, keine Regeln. Nichts, was es zu beachten gilt. Für niemanden. Und alle haben eins: Spaß!

Der Tag am See

Ich zähle zu den Frauen, die jenseits von Temperaturen über 20° Celsius nur eins haben: Fluchtgedanken. Draußen im Schatten lässt es sich aushalten. Wenn nur ein bisschen Wind geht! Decken, Kühltasche, Getränke und was zum Futtern schnappen, um den Tag am See zu verbringen. Diese Idee haben viele. Der versteckt liegende See zieht einige Menschen an, die darin geübt sind, sich in der Natur eine Alltags-Auszeit zu gönnen.

Und ich? Ich sitze mit dem MacBook am See. In T-Shirt und Radler. Immerhin. Ich habe Schuhe und Socken ausgezogen. Da sollte es leichter fallen, bei gefühlten 97,5° Celsius im Schatten produktiv zu sein. Die Datei mit dem Briefing längst geöffnet, schweifen meine Blicke unentwegt über die versteckt liegende Wiese um das Seeufer. Es ist mir unmöglich, meine Gedanken auf die Arbeit zu richten. Ich klappe das MacBook zu.

Am Seeufer

Rechts von mir eine Frau um die Vierzig mit großem Busen. Oben ohne liegt sie in der Sonne und brutzelt vor sich hin. Viel weiter hinter ihr eine Gruppe mit Jugendlichen. Pubertierende Mädchen mit Speck auf den Hüften. Knabbernd an Butterkeksen. Magersucht-Allüren? Weit gefehlt. Niemand lästert, keins der Mädels geniert sich wegen der Speckröllchen über der Hüfte oder die ersten Zellulite-Dellen am Oberschenkel. Die Mädels haben einfach Spaß und genießen die Sonne. Zwischendurch: Menschen mit ihren Hunden.

Menschen
Menschen aller Altersgruppen verbringen einen Tag am See

Links von mir ein altes Pärchen. Bestimmt 70. Oder 80? Opa nimmt Oma an die Hand und läuft mit ihr zum Ufer, um zusammen eine Runde im See zu schwimmen. Das alte Pärchen fängt ein zweites Mal meine Blicke ein. Als sie aus dem Seewasser zurück zur Wiese kehren. Die alte Dame trägt weder Bikini noch Badeanzug; sie fühlt sich dabei gut. Niemand stört´s. Keiner gafft.

Hinter dem alten Pärchen eine Horde Twens. Laute Musik, Ballspielen, Lachen. Dazwischen ein älterer Typ. Wandert mit seiner Decke in den Schatten und geht etwa jede halbe Stunde für 20 Minuten ins Wasser, um sich abzukühlen. Auch er ohne Badehose. Etwas näher am Seeufer ein kleiner Junge, etwa 4 oder 5 Jahre alt. Mit einem Köcher versucht er Kaulquappen, kleine Fische und Frösche zu fangen. Ganz stolz kommt er zu mir gelaufen. Dabei kennt er mich gar nicht.

“Schau mal, ich hab einen Fisch gefunden! Der ist aber schon tot.”

Verantwortung
Verantwortung: Respektvoller Umgang mit Wildtieren und Natur

Während der kleine Junge weiterzieht, kommen meine Kinder freudig schreiend angerannt, um uns stolz ein kleines Fröschlein zu zeigen, das sie am Seeufer eingefangen haben. Das Herz des Fröschchens schlägt heftig, seine Angst ist ihm anzusehen. Aus wildem Herzrasen wird so etwas wie Vertrauen. Der kleine Kerl hüpft aus der Hand auf die Kühltasche, posiert für Fotos, bevor die Kids ihn behutsam wieder zur Fundstelle zurücktragen und in seine Freiheit entlassen.

Vertrauen
Vertrauen: Der kleine Frosch ist ein großer Held

In meiner Ordnerstruktur suche ich eine WAV-Datei mit Rockmusik. Gefunden! AC/DC und so ein Zeug. Gemäßigte Lautstärke. Niemand stört sich daran. Vor uns lässt sich ein polnisch sprechendes Pärchen um die 35 mit Decke, jede Menge Taschen und Grill nieder. Während er fast eine Stunde braucht, um die Kohle zu entzünden und dabei die gesamte Wiese mit mächtigen Rauchschwaden einnebelt, wäscht sie Paprika, Tomate und Lauchzwiebeln, um daraus einen Salat zuzubereiten. Die Salatsauce ist bereits fix und fertig und wird nur noch aus der Thermoskanne auf das Gemüse gekippt.

Grillen am See
Grillen am See – niemand hat sich beschwert

Nach 2 Stunden sind die ersten Würstchen fertig; die nackt am Strandufer liegende, 70 oder 80 Jahre alte Oma längst schon vom Qualm des Grills konserviert. Räuchern macht ja bekanntlich haltbar! Ist doch eine Unverschämtheit, den Grillrauch einfach so mit dem Pappteller zu dem alten Pärchen hinüberzuwedeln. Oder? Und überhaupt: Ist hier eigentlich Grillen erlaubt? Keiner hat sich beim Wild-Griller beschwert. Die Twens fangen an, Federball zu spielen.

Ein weiteres Pärchen kommt hinzu, um den Rest vom Tag am See zu verbringen. Er hager, um die 60; sie aufgedonnert, arrogant, um die 25. Meine Blicke schweifen über die kristallblaue Wasseroberfläche. Was ist das? Ein Stock? Der gegen den Strom schwimmt? Eine Wasserschlange! Direkt am Seeufer. Dort, an einer der vielen Stellen, wo die Schwimmer ins Wasser gehen. Mist, die Seeschlange ist zu schnell. Erst mal kein Foto. Eine halbe Stunde später. Wieder schlängelt sich das Tierchen am Seeufer entlang. Ich beschließe, die Spiegelreflexkamera parat zu halten.

Wasserschlange im See
Wasserschlange im See: Das Reptil lässt sich von den Menschen nicht stören

Die Schnepfe, nein, nicht der Vogel, sondern die aufgetakelte 25-jährige geht mit Sugardaddy ins Wasser. Im gleichen Moment:

“Mama, komm schnell, die Wasserschlange schwimmt wieder hier vorbei!”

Harmonie
Harmonie zwischen Wasserschlange und Menschen

Das Tier schert sich nicht um die Menschen im Wasser. Ein kleiner Schlenker genügt dem Tier, um mit etwas Abstand an Schnepfe, Sugardaddy und Kindern vorbei zu schwimmen. Tapfer manövriert das Reptil einfach durch die kleine Menschenmenge hindurch, die ihr im Weg steht. Immer mit erhobenem Haupte, bloß keine Angst zeigen. Ist ja schließlich ihr Zuhause! Der Schlange ist´s vollkommen egal, ob die Schnepfe Schiss vor ihr hat. Tapfer aber auch die Schnepfe, die zwar wenig begeistert ist, aber Contenance wahrt. Sie wartet geduldig, bis die Schlange an ihren Beinen vorbei geschwommen ist.

Madeleines versüßen mir meinen Tag am See. Die Sonne ist gewandert. Mein Schattenplätzchen hat nun keinen Schatten mehr und ich wandere mit Decke, Kühltasche und MacBook. Punktlandung Ameisenstraße. Geschätzte 2 Millionen Ameisen, die sich über meine und die Anwesenheit der Madeleines freuten. Na und? Wir sind draußen. In der Natur. Die Madeleines werden einfach mit den fleißigen Emsen geteilt.

Verantwortung übernehmen
Verantwortung übernehmen

Um 20 Uhr geht die Schranke runter

Bananenschalen, leere Wasserflaschen, Kippen, Bonbonpapierchen, Plätzchenverpackung. Kein Mülleimer weit und breit zu sehen. Die Gemeinde weiß aber schon, dass hier so viele Menschen zum Schwimmen an den See kommen? Keine Mülleimer! Trotzdem ist die große Wiese am Seeufer sauber. Wir stapeln alle Überreste, um sie später mit nach Hause zu nehmen. So machen es an diesem See alle.

Im Laufe des Tages bin ich mit meiner Decke einige Male dem Schatten nachgereist. So, wie alle hier am See. Die einen folgen der Sonne, die anderen dem Schatten. Lediglich eine Hecke trennt die Liegewiese vom Waldweg, wo die Autos geparkt werden. Nach einer Minute Laufweg lässt jeder seinen sozialen Status hinter sich und breitet die Decke auf der Wiese aus. Dort, wo es gefällt. Man nimmt sich soviel Platz, wie man braucht. Es ist genug da. Für alle. Hier an diesem Seeufer ist jeder gleich.

Zusammen mit 30 Ameisen, 5 kleinen und einer größeren Spinne sitze ich auf meiner Decke und fühle mich großartig. Ich blicke um mich herum und beobachte die vielen Menschen, die so wie ich einen Tag am See verbringen. Alt, jung, dick, dünn, Griller, Chiller FKK´ler, Textilträger, ich, mit Radlerhose, T-Shirt und MacBook. Nicht zu vergessen die Tiere. Wasserschlange, Fische, Frösche, Libellen, Ameisen, Spinnen, Moskitos. Wir alle verbringen diesen einen Tag am See gemeinsam. Jeder für sich und doch alle zusammen.

Der Tag am See, an dem es keine Regeln gibt, hat gezeigt: Menschen brauchen keine Regeln!

Trotzdem funktioniert alles. Die Tiere fühlen sich nicht gestört. Zahlreiche Libellen fliegen von einem Grashalm zum nächsten, landen auf der Decke, um schon bald zur Nachbardecke zu fliegen. Die Frösche quaken im Chor, die Fische schwimmen bis zum Uferrand und die Wasserschlange hat am Seeufer Vorfahrt. Die Menschen lassen die Tiere in Ruhe und erfreuen sich an dieser traumhaft schönen Natur. Keiner bläst Trübsal. Keiner streitet. Keiner hat schlechte Laune. Alle Menschen lachen, sehen glücklich aus. Und ich? Ich erlebe zum ersten Mal seit vielen Jahren einen Hauch von Freiheit. Hier darf jeder sein, wie er ist. Hier darf jeder tun, was er mag. Mein Drang, an den Ort zu gehen, nach dem ich mich sehne, wird größer.

An diesem tollen See gibt es keine Verbotsschilder. Es gibt dort gar keine Schilder – mit einer Ausnahme:

“Die Schranke geht um 20 Uhr runter!”

Wer dann noch mit dem Auto hinter der Schranke steht, läuft zu Fuß nach Hause oder verbringt die Nacht am See.

Leben wir wirklich in Freiheit?

Während vieler sonnenreichen Stunden und 38°Celsius rattert es in meinem Kopf. So viele Gedanken. Während der Fahrt zum See hatte ich erwartet, dort auf einen Schilderwald zu treffen.

  • Das Baden im See ist nur mit Badekappe gestattet.
  • Entsorgen Sie Ihren Müll in den dafür vorgesehenen Müllkörben.
  • Von 13 bis 15 Uhr ist die Ruhezeit einzuhalten.
  • Lautes Musikhören auf der Liegewiese ist verboten.
  • Grillen ist eine Ordnungswidrigkeit und wird mit einem Bußgeld bestraft.
  • Nacktbaden verboten.
  • Ballspiele sind auf der Liegewiese nicht erlaubt.

An diesem See sind solche Verbotsschilder nicht zu sehen. Stattdessen gibt es Erlaubt-Schilder. Schwimmen, Hunde, Grillen, Paddelbote. Ein Positivbeispiel, das zeigt, wie es auch gehen kann und das Menschen sehr wohl eigenverantwortlich leben und Verantwortung für Tier und Natur übernehmen können. An diesem Tag am See habe ich Menschen beobachtet, die wirklich frei waren. An diesem einen Tag. An diesem einen See.

Leben in Freiheit
Leben in Freiheit
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