Warum ich 9 Jahre keine Regenschirme brauchte

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Ich bin über 40 und mein Sohn wird 20

Falls Sie sich jetzt wundern, wie diese beiden Überschriften zusammenpassen, dann lesen Sie einfach diesen Artikel bis zum Schluss. Denn es geht um Regenschirme, Lebensgefühl und früher. Früher war alles besser – wie oft sage ich das und wie oft bestätigen meine Kinder mir dies. Kurz nach meinem 40. Geburtstag ertappte ich mich irgendwann bewusst dabei, dass ich meinen Kindern immer häufiger von diesem berühmten “Früher” erzählte.

Leben ohne Regenschirme
Leben ohne Regenschirme

Das Älterwerden verändert die Sichtweise

Angefangen hat das nach dem frühen Tod meines Mannes. Auf einmal ist ein Mensch aus dem Leben gerissen, dabei hätte man noch so viel vom ihm wissen und so viel mit ihm teilen wollen. Seit diesem Zeitpunkt erzähle ich unseren Kindern von meinem Leben und unseren gemeinsamen Jahren, bevor wir Eltern wurden. Alles war anders, alles war besser. Nein, das ist keine abgedroschene Phrase, denn je älter ich werde, umso mehr verstehe ich die Zusammenhänge, warum die Dinge so sind, wie sie sind.

Gestern erzählte ich meinem ältesten Sohn von Regenschirmen. Gut, das klingt zunächst nach keinem spannenden Thema. Ist es aber. Als ich Kind und Teenager war, galt das Kaufen eines Regenschirms als Wissenschaft für sich. Meine Mutter rief die Oma an, um sich wegen der Schirmfrage zu besprechen. Dabei wohnte die Oma über 200 km entfernt wohnte. Ein Telefonat, noch dazu ein Ferngespräch, wurde kurz gehalten. Man beschränkte sich auf das Notwendigste, denn Flatrates gab es nicht und Ferngespräche waren teuer. Dass die Mutter trotzdem das Ferngespräch wählte, um sich zu beratschlagen zeigt beispielhaft, welch bedeutsame Angelegenheit es war, einen Regenschirm zu kaufen.

Man konnte Schirme in den Preislagen von etwa 15, 40 bis 50 und 60 bis 80 DM kaufen und seinerzeit überlegte man wirklich, ob man überhaupt Schirme in der niedrigsten Preislage in die engere Auswahl aufnehmen sollte. Heute ist es genau anders herum. Am liebsten soll alles billig sein, denn Geiz gilt bekanntlich als geil. Das gab es früher nicht.

Der Schirmkauf wurde zu einem Familienanlass. Ein Familienmitglied braucht einen Schirm. Dafür muss man in die nächst gelegene Stadt fahren. In welches Geschäft? Wo gibt es überhaupt gute Schirme? Welcher Laden bietet beste Beratung an? Beratung für den Schirmkauf? Ja, na klar. Denn es geht um Qualität. Jeder braucht einen guten Regenschirm. So fuhr man in die Stadt und ließ sich in verschiedenen Geschäften ausführlich beraten, lief von Karstadt zu Kaufhof, sprang auch mal zu Woolworth rein und natürlich in das Schirmfachgeschäft, bei dem es die fachmännischste Beratung überhaupt gab. Stundenlang ging das so, bis man im Familienverbund zum Kaufhof zurücklief, um dort einen der teureren Modelle zu kaufen.

9 Jahre ohne Regenschirme

Bevor ich nach Frankreich auswanderte, wohnten wir 9 Jahre lang in einer größeren Stadt. Dort war das Wetter mitunter sehr stürmisch und innerhalb des ersten Herbstes war meine Schirmsammlung diversen Herbstwinden zum Opfer gefallen. Neue Regenschirme mussten her. Kein Problem. Für ein paar lumpige Euro gibt es sie massenhaft. Schirme in 1-Euro-Läden oder Schirme im Wochenangebot des Discounters.

Die Preisunterschiede bei Regenschirmen heute und damals sind gravierend. Billigste Materialien und schlechte Verarbeitung sind es, die man für kleines Geld bekommt. Genauso viel, wie die Schirme kosten, taugen sie auch. Fast nichts.

Im Ergebnis blieb es sich für mich, ob ich einen teuren oder einen billigen Schirm hatte. Der Herbstwind machte sowieso jedem Modell schnell den Garaus und so beschloss ich in diesen 9 Jahren einfach, komplett schirmfrei zu leben und im Regen zu laufen. Dafür hatte ich schließlich einen guten Haarföhn.

Warum Geiz nicht geil ist

Inzwischen leben wir Menschen in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Wir freuen uns über Schnäppchen, tolle Angebote und reduzierte Preise. Wir kaufen lieber in großen Ketten und Mega-Konzernen, weil dort die Waren oft billiger erhältlich sind. Auf kleinen Unternehmen lastet ein immenser Marktdruck. Um konkurrenzfähig zu sein, müssen sie ihre Preise drücken lassen, auf günstigere und weniger qualitativer Waren umsteigen. Doch im Internet gibt es alles billiger, kostet kaum noch Versand und oft sind die Artikel schon am Tag nach der Bestellung geliefert.

Diese Strukturen wirken sich nachhaltig auf die gesellschaftliche, aber auch auf die marktwirtschaftliche Entwicklung aus. Negativ! Konsumenten wird suggeriert:

“Geiz ist geil”

Wer bei großen Konzernen einkauft, um ein paar Cent oder Euro zu kaufen, trägt zur Abwirtschaftung bei. Kleine Geschäfte müssen schließen, große werden immer mächtiger. Umso mehr Macht große Konzerne haben, desto schlechter wird Qualität. Denn wer die Konkurrenz auf dem Markt ausgerottet hat, kann tun, was er will.

Preise rauf, Qualität runter, Gewinn rauf. 

Regenschirme sind ein gutes Beispiel. Warum sollte man für einen Schirm 40, 60 oder 80 Euro im Fachmarkt ausgeben, wenn es ein Modell für 5 Euro tut?

Es geht um Wert-Schätzung

Natürlich überlege ich mir, ob ich wirklich so viel Geld für einen Regenschirm ausgeben möchte. Ich lebe nicht in finanziellen Verhältnissen, wo ich mit Geldscheinen um mich werfen kann. Es tut mir aber nicht weh, mir EINMAL einen guten Schirm zu leisten, auf den ich aufpasse und der mir viele Jahre treue Dienste leistet.

Ein billiger Regenschirm kann das zwar auch, jedoch wird seine bescheidene Qualität dafür sorgen, dass ich nicht lange Freude daran haben werde. Die Folge: Jedes Jahr werde ich neue Regenschirme kaufen müssen.   Wenn ich mich dabei für billige Modelle entscheide, kaufe ich diese bei einem Großkonzern, dessen Macht ich regelmäßig unterstütze.

Entscheide ich mich für den Kauf in einem kleinen Schirmfachgeschäft, helfe ich dem Inhaber dabei, zu überleben und trage nachhaltig zur Existenzerhaltung bei. Ganz nebenbei bringe ich einem teuren Regenschirmmodell deutlich mehr Wertschätzung entgegen. Hege ich ihn gut, spare ich langfristig. Einen teuren Regenschirm verliert man nicht so schnell, wie einen, der nichts wert ist.

Kindern Werte vermitteln

Tagtäglich geht es in Familien darum, etwas zu kaufen. Lebensmittel, Kleidung, Spielwaren. Als Eltern können wir Vorbilder sein, unseren Kindern vermitteln, wie wichtig es ist, möglichst frei zu leben und wie wichtig es ist, auswählen zu können. Ihnen zu erklären, warum wir mit unserem Konsum- und Kaufverhalten unser Leben und die Gesellschaft gestalten.

Wenngleich der Schirm nur ein Beispiel ist. Es lässt sich in viele Bereiche des alltäglichen Lebens übertragen. Das Obst können wir von einem kleinen Gemüseladen beziehen. Die Holzbausteine von einem kleinen Betrieb, der in Handarbeit Spielzeug aus Holz herstellt. Statt Low-Budget Kosmetik aus der Drogerie können wir wunderbare Kosmetik von kleinen Labels kaufen. Das muss nicht zwingend teurer sein, als Drogerie-Marken. Wir würden kleinere Marken unterstützen und unserer Haut in den meisten Fällen die bessere und gesündere Pflege zuteil werden lassen.

Mit jedem Shopping tragen wir aktiv dazu bei, das Überleben von kleinen Betrieben zu unterstützen oder zu beenden. Dabei sind es die kleinen Firmen, die Arbeitsplätze liefern, weil sie nicht die gesamte Produktion auf Maschinen umstellen (können).

Insgesamt sichern wir uns mehr Qualität in fast allen Bereichen unseres Lebens. Weniger Arbeitslosigkeit, bessere regionale Versorgung, hochwertigere Produkte, mehr Auswahl, mehr Markenvielfalt. Wenn Sie das nächste Mal einen Regenschirm kaufen, denken Sie an meinen Artikel. Es liegt an uns, ob wir unsere Kinder zu Konsumjunkies erziehen oder ihnen die Werte von Qualität und Nachhaltigkeit mit auf den Weg geben.

War früher wirklich alles besser

Und ja, früher war alles besser. So abgedroschen das klingen mag. Die Menschen waren in ihrem Leben bescheiden. Sparen lohnte sich. Obwohl die meisten früher weniger verdienten, aber mehr Kinder hatten, lebten sie glücklicher und sorgenfreier. Ja, es gab andere Sorgen. Ja, es gab Arbeitslose und ja, es gab auch ärmere Familien. Dennoch waren sie zufriedener, hatten weniger Stress und weniger konsumbedingte Existenznöte und es gab sie, die Zeiten, in denen die Wirtschaft boomte und es der Gesellschaft gut ging. Zeiten, in denen gute Regenschirme keine Luxusartikel waren.

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