Wenn Frauen auswandern

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Wenn Frauen auswandern
Wenn Frauen auswandern

Leben im Ausland – Folge deinem Traum

Im deutschen TV gibt es gleich mehrere Formate, die sich mit dem Thema Auswanderung beschäftigen. Einerseits hegen viele Menschen diesen Traum, der Deutschland den Rücken zu kehren, andererseits zeigen diese TV-Formate, dass es nicht immer einfach ist, diesen Traum zu erfüllen. Selten wollen Frauen auswandern, wenn sie keinen starken Partner an ihrer Seite haben. Der Umzug in ein fremdes Land ist ein Wagnis mit vielen Unbekannten. Ein Wagnis, bei dem viel schief gehen kann und ist wohl einer der typischen Träume, die man am liebsten als Paar realisieren möchte.

Wie ich es in diesem Beitrag schon erwähnte, war meine Auswanderung ein lang gehegter Traum meines Mannes und mir. Erst waren es die üblichen Bedenken, die uns abhielten. Zu wenig Geld, die Kinder sind noch zu klein. Wir beherrschten keine Fremdsprache gut genug und außerdem würden wir ältere Verwandte zurücklassen. Ein konkretes Ziel für das Leben im Ausland gab es ebenfalls noch nicht. Mein Mann mochte es sonnig, ich bin Fan des Winters. Dann verstarb mein Mann.

Es war klar, entweder würde ich mit seinem Tod den gemeinsamen Traum an den Nagel hängen oder ich würde es JETZT tun. Auch, wenn nur wenige Frauen auswandern, also alleine, und ich mich gar nicht mehr richtig vorbereiten konnte, war mir mit einem Male alles egal. Raus. Weg. Traum erfüllen. Ob ich in Deutschland mein Leben und das der Kinder organisiere oder im Ausland – das würde keine Rolle spielen.

Zwei Monate nach dem Tod meines Mannes

Ich packte unsere Sachen, baute Möbel ab, suchte ein schönes Haus in Frankreich und schwups, weg war ich. In mir machte sich Aufbruchstimmung breit. Schnell und ohne Zweifel. Es war keine Flucht vor der neuen Lebenssituation. Es war keine Flucht aus der Trauer. Es war die Erkenntnis, dass man eigene Träume realisieren muss. Jeden Tag kann es dafür zu spät sein. Der Tod meines Mannes war nicht der Grund, er war lediglich der Impuls, dass wir und für das Leben im Ausland entschieden.

Mir fiel es nicht schwer, Deutschland den Rücken zu kehren. Ich vermisse nichts. Nur wenige Stunden, nachdem mein Mann verstorben war, fiel meine Entscheidung, die ich sofort meinen Kindern mitteilte.

Sie fanden es gut. Wenn wir die Fahrräder, die Meerschweinchen und die Katzen mitnehmen. Mein Sohn, der große, bereits in eigener Wohnung, unabhängig und beruflich gut unter, wollte mit kommen. Wohl die schönste Ehre, die einer Mutter zuteil werden kann.

Warum Männer und Frauen auswandern

Wenn Frauen auswandern, folgen sie dem Ruf ihres Herzens. Sie wandern aus tiefer Überzeugung aus und tun dies nur dann, wenn sie innerlich dazu bereit sind. Während Männer häufig ihren beruflichen Erfolg mit einer Auswanderung zementieren. Am Ende ihres beruflichen Laufbahn. Das Sahnehäubchen.

In meinem Umfeld gibt es eine Kollegin, die etwa zur gleichen Zeit auswanderte. Sie unternahm diesen großen Schritt gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Bei ihnen wurde die Auswanderung lange geplant und doch kam die Realisierung relativ spontan. Bei mir war es nur spontan. Doch der Wunsch war schon viele Jahre tief in mir verwurzelt und mir war klar, dass ich nicht den Rest meines Lebens in Deutschland verbringen wollte.

Werde ich nach Gründen gefragt, warum Frauen auswandern und warum ich ausgewandert bin, fallen mir viele ein. Das Wetter. Der Wunsch nach beruflicher Veränderung. Die Kultur. Das Essen. Politische Verhältnisse. Flucht vor sich selbst. Bei mir war es nichts von alledem. Ich will nicht dorthin, wo die Sonne ewig scheint. Mein Job ist klasse. Politische Verhältnisse sind anderswo auch nicht besser. Und wer selbst kochen kann, dem schmeckt es überall. Es war einfach die Lust auf Veränderung.

Veränderung - manchmal mit der Baggerschaufel
Veränderung – manchmal mit der Baggerschaufel

Wenn Frauen auswandern – folgt das Alltags-Abenteuer

46 Tage – Bis zum Tag X

Zwischen dem Tod meines Mannes und dem Tag meiner Auswanderung liegen 46 Tage. Wenn schon, dann richtig. Der Moment, in dem ich das letzte Mal die Tür in Deutschland hinter mir zu zog, war ein wahnsinnig geiles Gefühl. Vor uns lag eine lange Fahrt in das neue Haus. In einen kleinen Ort in Frankreich, in dem alles neu und ungewohnt sein würde.

Der große Sohn fuhr mit meiner Tochter vor. Der kleine Sohn und ich einen Tag später hinterher. Wir kamen nachts an. In ein dunkles Haus ohne Lampen, aber wenigstens mit Strom. Vom Garten sah ich nichts und doch war es ein großartiges Gefühl, zum ersten Mal das Tor auf unser Grundstück zu öffnen und mit dem Schlüssel unser neues, aber noch kahles Nest aufzuschließen.

Die Nacht ging irgendwo zwischen Umzugskisten, Pappbechern, leeren Wasser- und Colaflaschen viel zu langsam vorbei. Es hätte schneller sein dürfen, bis am ersten Tag in Frankreich die Sonne aufzog und wir anfangen konnten, uns einzurichten. Die Zimmer zu verteilen. Die Bilder aufzuhängen. Bilder aufhängen. Das erste, was ich schon immer getan habe, wenn wir umgezogen sind. Dort, wo meine Bilder sind, bin ich zuhause. Kaum angekommen, waren wir auch schon angekommen.

Bilder, Katzen und Gardinen, Zuhause
Bilder, Katzen und Gardinen, Zuhause

Jetzt bist du angekommen

Geht es darum, dass Frauen auswandern, geht es auch darum, dass sie das Familiennest neu aufbauen müssen. Ob man ausgewandert ist oder umgezogen ist – das Chaos der ersten Tage ist immer das gleiche. Umzugskisten, provisorische Sitzgelegenheiten, kochen auf dem Campinggrill. Die Zimmer müssen verteilt und dann eingerichtet werden. Im Haus zeigte sich schnell: So, wie wir es geplant hatten, fanden wir es doof. Neuplanung. Du nach oben, sie nach unten. Die Büros doch nicht hinten, sondern direkt in der Nähe des Eingangsbereichs. Da scheint keine Sonne. Egal. Dann blendet es nicht auf die Monitore. Oder doch lieber auf die Südseite? Egal. Nichts, was wir später nicht ändern könnten.

17 Zimmer. Die Hälfte steht leer. Unterm Dach wird keins genutzt. Warum auch. Es ist so viel Platz. Wer putzt eigentlich die ganzen Fenster? Und was ist mit den alten Gardinen, die ich so liebte? Sie passen nicht. Für alle Zimmer werden wir neue Gardinen brauchen. Wenn Frauen auswandern, sind Gardinen wichtig. Immens wichtig. 41 neue Gardinen. Wo bekommt man die so schnell her, wenn sie alle gleich sein sollen? Wie kann eine Frau auf die Schnelle 41 neue Gardinen finden? Die sollen schließlich gefallen. Ehe wir uns versahen, merkte ich mitten drin:

“Jetzt bist du angekommen!”

Was? So schnell geht das? So flott sagst du “zuhause”? Ich ärgerte mich. 46 Tage, ein paar Stunden. Schon war das neue Haus in einem fremden Land unser Zuhause geworden. Die ältere Dame von nebenan, wuselte im Garten herum. Immer mit Blick zu uns herüber. “Wer wohl die Neuen sind?” – hatte sie sich damals wohl gefragt. Und uns einfach freundlich und lachend zugewunken. So einfach kommt man an. Das Leben im Ausland hat begonnen. Schnell, unkompliziert. Mensch, warum haben mein Mann und ich diesen Schritt nicht schon vor 20 oder wenigstens vor 10 Jahren gewagt???

Telefon, Internet und Strom

An Tag zwei ging es um die wirklich elementaren Dinge. Telefon, Internet und Strom. Angemeldet hatten wir alles. Den Router hatten wir schon von Deutschland aus besorgt und in den drei wichtigsten Umzugskisten – gekennzeichnet mit XXX – ganz oben verpackt. Mit einer Umzugsfirma in der Familie ist das Packen der Kartons einfach Routine. Etwas anderes ist es, einen Router ohne Bedienungsanleitung und ohne Telefonsupport zum Laufen zu bekommen. Nichts ging und erst, als wir in den Shop des Anbieters fuhren, wurden wir schlauer. Irgendetwas stimmt mit der Leitung nicht. Mit einem Internetstick überbrückte man unseren Internetzugang, bis der Service raus kam. Freundlich. Sind die Menschen hier freundlich. Auch, wenn die Franzosen die Deutschen nicht mögen.

Nach dem ersten Monat standen die ersten Rechnungen an. Ein Wust, zum Durchkämpfen, bis ich sie bezahlen konnte. In Frankreich wird nicht überwiesen. Es wird mit TIP, per Scheck oder per Telefon bezahlt. Vorher muss man bei Strom- und Internetanbietern das Bankkonto akkreditieren. TIP ist einfach, wenn man weiß, wie viel das Porto kostet und wo die nächste Post ist.

Die Eingewöhnungsphase

An unser neues Haus gewöhnten wir uns schnell. In den ersten 3 Nächten lagen wir wach. Die Geräusche, die man noch nicht kennt. Ein lautes Scheppern. Mitten in der Nacht. 30 Minuten später. Ein lautes, anhaltendes Grummeln. Knacksen hier, Ächzen da. Sicherungskasten, Heizung und Holz. Die Schuldigen. Längst hören wir sie nicht mehr.

Ein leises Klingeln ertönt. Wird immer lauter. Montags und Donnerstags um 10 Uhr. Dienstags und Freitags um 12 Uhr. Und nochmal Dienstags um 14 Uhr und Freitags um 17 Uhr. Was ist das? Bäcker und Metzger. Hier werden die Franzosen und Auswanderer mit frischen Produkten direkt vor der Haustür versorgt. Hausgemachte Produkte. Frisches Baguette, feine Fleischwaren. Frische Eier von Hühnern des Bauern nebenan. Hühner, die genauso glücklich leben, wie die Menschen hier im Ort. Inzwischen sind wir mit Bäcker und Metzger auf Du & Du. Beide haben ihre Tour für uns geändert und halten direkt vor unserem Haus. Selbst an Feiertagen kommen Sie und hängen die Tüte an die Haustür. Das, ja genau DAS ist es, warum Frauen auswandern. Meine Kinder lieben es. Ich liebe es.

Upgrade der Lebensqualität

Wenn Paare, Männer oder Frauen auswandern, wünschen sie sich natürlich eine Veränderung. Eine Auswanderung ist dazu die passende Gelegenheit, denn es verändert sich wirklich viel.

Zum Einkauf geht es mit Duden oder Dolmetscher. Formulare füllen wir mit dem Google Translater aus und die ältere Dame, die am ersten Tag so fröhlich herüber winkte, ist längst eine herzliche Freundin der Familie geworden. In Woche eins zogen zwei neue Kätzchen bei uns ein. Französische Miezen, die ganz anders miauen, wie unsere beiden Katzen aus Deutschland. In Monat drei miaute ein kleines mit Flöhen besiedeltes Katerchen vor unserer Haustür und bat hungrig und siegessicher um Einlass. Den Weg zur Zoohandlung kannten wir zum Glück schon.

Unsere komplette Ernährung hat sich umgestellt. Alle Produkte sind hier anders. Zwar gibt es viele Markenprodukte, die wir aus Deutschland kennen. Doch wir lassen uns auf das Leben im Ausland ein und verwenden Produkte der Region, die verdammt lecker sind. Manche Lebensmittel sind nicht unser Fall. Normal. Doch wir haben so viele neue Lieblingsleckereien gefunden, dass wir nichts aus Deutschland entbehren. Nur manchmal. Am Anfang. Hier lebt man kulinarisch wirklich wie Gott in Frankreich. Was in Deutschland den meisten Menschen als teure Delikatesse verwehrt bleibt, gehört hier zum Standard.

Bei uns gab es nur eine negative Veränderung – der Schulalltag. In Frankreich gehen alle Kinder zur Ganztagsschule. Länger, wie die meisten Menschen in Deutschland arbeiten. Das Bildungsniveau: Schlecht. Meine Kinder haben jetzt Privatunterricht zuhause. Nachdem sie innerhalb von kürzester Zeit Augenringe bekamen. Es blieb ihnen weder Freizeit noch ausreichend Zeit zum Schlafen.

Manchmal spürt man, dass Franzosen Deutsche nicht mögen. Insbesondere an der Schule war das zu spüren. Hier im Ort sind die Menschen freundlich und die Kinder lieben es hier, denn hier laufen die Uhren anders und alles ist weniger stressig. Wir haben eine ganz tolle Privatlehrerin gefunden, die nicht einfach ihre Stunden abreißt, sondern richtig gut ist und auf ganz besondere Weise ihren Unterricht gestaltet. Die Kids haben Spaß zu lernen und freuen sich auf die Lehrerin.

Hier ticken die Uhren anders

Hier rennen die Menschen nicht mit Übereifer dem übervollen Terminkalender nach, sondern kommen regelmäßig zu spät und manchmal auch gar nicht. Im Winter, wenn es schneit und der Schulbus nicht fährt, bleiben Kinder aus den Orten eben zuhause. Ob der Bäcker Montags pünktlich um 10 Uhr klingelt oder erst um 12 – das ist völlig schnuppe. Solang er nur kommt und das Baguette frisch aus dem Ofen geholt wurde.

Ja, wir sind angekommen! So geht Leben, so geht das Gefühl von Freiheit. Schade, dass wir diesem Traum erst 2014 gefolgt sind und nicht schon viel früher. Eins ist klar: Auf die nächste Traumerfüllung warten meine Kinder und ich nicht lange. Wir werden künftig jede Gelegenheit am Schopfe packen. Das Leben im Ausland, hier in Frankreich, ist ein schöner Lebensabschnitt. Welcher wird wohl der nächste Traum sein, den wir uns als Familie erfüllen?

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One Comment - Write a Comment

  1. Hallo Steffi, ein schöner Artikel! Viele Dinge sind mir in Frankreich so oder so ähnlich ebenfalls schon begegnet. Besonders die Schule war vor einigen Jahren für mich auch wirklich hart. Allerdings muss ich sagen, dass ich in insgesamt 2,5 Jahren in Frankreich noch NIE das Gefühl hatte, dass die Franzosen keine Deutschen mögen – im Gegenteil!
    Viele Grüße,
    Elisabeth

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