Die moderne aufgezwungene Toleranz

Das Leben in einer (schein-)heiligen Welt. Die sozialen Netzwerke sind Segen und Fluch zugleich. Immer wieder frage ich mich, wie es möglich sein kann, dass Menschen einerseits Toleranz genießen wollen, andererseits aber vollkommen intolerant sind, wenn jemand eine abweichende Meinung hat. Um das Chaos perfekt zu machen, gibt es zudem noch die aufgezwungene Toleranz, die den Menschen vorgibt, was sie in bestimmten Bereichen meinen dürfen und was nicht. Mit meinem Bild einer modernen und aufgeschlossenen Welt hat das alles nichts zu tun. Konfrontation ist da vorprogrammiert und so zähle ich zu jenen Menschen, die beim Lesen in den sozialen Netzwerken sich mehr als einmal pro Tag auf die Zunge beißen müssen.

Toleranz – eine sensible Angelegenheit

Meines Erachtens nach ist Toleranz etwas, das auf Freiwilligkeit beruht. Man toleriert etwas, das vom eigenen Weltbild und eigenen Ansichten abweicht. Tolerieren ist nicht damit gleichzusetzen, etwas gut zu finden, aber einem anderen Menschen (s)eine andere Ansicht zuzubilligen. Nicht immer fällt es leicht, sich in Toleranz zu üben. In einigen Themenbereichen ist es einem unmöglich, tolerant zu sein. Treffen zwei Menschen mit grundlegend verschiedenen Ansichten aufeinander, entsteht unweigerlich ein hohes Konfliktpotenzial.

Für tolerante Menschen sollte dies kein Problem sein. Ist es aber. Weil die eigene Toleranzgrenze einen Teil der eigenen Persönlichkeit ausmacht. Toleranz ist ein Maßstab der Werte, die im eigenen Leben eine gewichtige Rolle einnehmen und wer die Toleranzbereitschaft seines Gegenübers überschreitet, greift damit automatisch dessen Wertvorstellungen und die Persönlichkeit an. Ein anderer, toleranterer Umgang mit der Toleranz wäre wünschenswert und würde von einer intelligenten Gesellschaft zeugen. So manches Problem auf diesem Planeten wäre gelöst.

Der Toleranzzwang – eine gesellschaftliche Symptomatik

Irgendwie versteht sich von selbst, dass Toleranz nur funktionieren kann, wenn sie auf Freiwilligkeit basiert. Doch ein Phänomen der modernen Welt scheint es zu sein, Toleranz vorzugeben und einzufordern. Inzwischen wird uns vorgegeben, was toleriert werden muss. Wer es nicht tut, ist nicht intolerant, sondern sieht sich auffällig oft mit diversen Anfeindungen konfrontiert, die bis hin zur Beschuldigung, Nazi zu sein, reichen.

  • Was, du findest Conchita Wurst nicht gut? Du Nazi!
  • Du findest, Deutschland soll nicht so viele Flüchtlinge aufnehmen? Du Nazi!
  • Du sprichst dich gegen eine Moschee in deiner Stadt aus? Du Nazi!
  • Du sagst was Kritisches über Schwule oder Lesben? Du Nazi!

Ein Trend, den ich als gefährlich einschätze und ein Trend, der die Welt zu einem scheinheiligen Habitat werden lässt. Wer heute nicht mit dem Mainstream läuft und alles gut findet, was gerade aktuell ist und wer kritische Töne ablässt, wird öffentlich geteert, gefedert und der Mainstream-Meute zum Fraß vorgeworfen. Reale Gründe für ein Dagegensein oder ein Nichtdafürsein werden als Argumente nicht akzeptiert. Ebenso ein Zeichen von Intoleranz.

Erzwungene Toleranz: Die Gesellschaft am Abgrund

Heute müssen bestimmte Dinge toleriert werden und ich befürchte, dass viele dieser Gutmenschen die nach ‘bunt’, ‘frei’ und ‘modern’ rufen, dies nicht aus Überzeugung heraus tun, sondern um gefällig zu sein. Die sozialen Netzwerke fordern ein Klima einer falsch-manipulativen Toleranz und verändern somit nachhaltig die Gesellschaft. Schlimmer noch: Menschen müssen sich zweimal überlegen, ob sie ihre ehrliche Meinung kund tun oder eine oktrinierte Meinung annehmen. Letzteres ist der bessere Weg, um Konfrontationen zu vermeiden. Auch eine interessante Form, die Meinungsfreiheit zu beschränken. Mitunter das höchste Gut einer Demokratie.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.