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Fernweh

Ich kann ihn riechen – diesen einen Ort. Die meisten Menschen reisen gerne. Ich nicht. Zumindest nicht irgendwo hin. Es gibt einen Ort. Dort, wo mich das Fernweh hinzieht. Ein konkretes Reiseziel, das mir so wohl vertraut ist, wie kein anderer Ort. Nicht der schönste. Nicht der nobelste. Nicht der bekannteste. Eine kleine Mauer inmitten eines keinen Städtchens. Irgendwo im Ausland. Diese Mauer ist schon sehr alt und trennt das urbane Kleinstadtleben von seinem Hafen. Einer der ganz wenigen Häfen, wo Fischer mit ihren kleinen Booten täglich ein- und ausfahren. Mein Fernweh riecht nach salziger Luft. Geschwängert von Fischgeruch. Ich hasse Fisch. Der Geruch ist mir zuwider. Eigentlich. Doch dort , nur dort – da liebe ich ihn.

Eine Kindheitserinnerung erweckt mein Fernweh

Als kleines Kind stand ich mit weit geöffneten Augen vor dieser alten Mauer. Saugte diesen Geruch in mir auf und bestaunte die alten Fischernetze. Die fleißigen Fischer und ihre Fänge. Viele Jahre verbrachte ich den Urlaub an dieser Stelle. Wann immer ich dorthin reiste, stand ich an dieser alten Maurer. Viele Jahre ist es her, dass ich meine letzte Reise an diesen magischen Ort machte. Das Reisen nie vermisst. Doch jetzt überkommt mich Fernweh. Sehnsucht an diesen Szenerie, von der ich weiß, dass ich zur Ruhe komme, wenn ich dort ankomme. Ein Ort der Heilung. Eine Oase zum Auftanken. Ein Ziel, das nicht austauschbar ist.

Auch nach über 27 Jahren kann ich ihn riechen, diesen magischen Platz. Ich schließe meine Augen und mein Gedächtnis kramt die so oft gesammelten Eindrücke hervor. Meine Oase. Wann immer ich mich in die Ferne sehne, eine Auszeit benötige, lasse ich mich verreisen. In meinen Gedanken. Dorthin. Weil es so unsagbar schön ist.

Einfach die Koffer packen?

Es wäre so einfach. Schnell ein paar Klamotten packen, den Laptop in den Koffer, etwas Geld in die Hand und losfahren. Sich auf den Weg machen. Fernweh und Sehnsucht stillen. Mal richtig im Urlaub zur Ruhe kommen. Will ich das? Nein. Denn das schönste, was man auf Reisen sammeln kann, sind die Erinnerungen. Heute bin ich kein kleines Mädchen mehr. Auch kein Teenager, der damals vor diesem kleinen Fischerhafen stand und die salzige Meerluft in sich aufsog.

Ich packe keine Koffer, um meine Sehnsucht bei einer schönen Reise zu stillen. Heute lebe ich. Unabhängig. Frei. Dort, wo es mir und meiner Familie gefällt. Und das ist nicht in Deutschland. Wenn ich gehe, dann gehe ich für immer. Um nicht nur für einen Moment, in dem ich an meinem Ort zur Ruhe zu kommen kann. Wenn ich gehe, dann bleibe ich. Dahin, wo mein Herz mich verschlägt. In die wundervollste kleine Stadt, die ich mir überhaupt vorstellen kann.

Wie Reisen das Leben verändert

Urlaub macht man, um sich zu erholen. Ein paar Wochen im Jahr. Raus aus dem Alltag. Abschalten. Neue Länder kennenlernen. Sightseeing, Wellness. Gutes Essen. Am Strand liegen und in der Sonne brutzeln. Volles Programm. So war das früher. Für mich. Ein paar Wochen im Jahr. Nur.

Es schien, als sei mein Fernweh gestillt gewesen. In all den Jahren, die nun dazwischen liegen. Doch seit einigen Monaten wächst eine neue Sehnsucht in mir heran. Fernweh, die nach meiner Auswanderung aus Deutschland nicht gestillt wurde. Vielleicht wäre Frankreich auch mein Land gewesen, wenn es nicht diesen für mich magischen Ort gäbe.

Nicht jedes Land erweckt das Fernweh!

Frankreich ist schön. In unserer ländlichen Region lebt es sich ruhig. Tolle Luft. Gutes Klima. Ein Gefühl von Freiheit, die ich in Deutschland vermisste. Hier ist alles entschleunigt. Ich liebe es, dass hier niemand pünktlich ist. Ich liebe es, dass die Preise bei unserem Bäcker so ausfallen, wie die Laune des Bäckers. Was mir fehlt, ist die salzige Brise. Der Geruch, den ich so wenig mag. Er ist der Beweis, wie schön und wohltuend dieser eine magische Ort für mich ist. Ich liebe es, dort zu sein, obwohl es dort stinkt. Verzauberte Menschen. Überall. Ein kleines aber feines Urlaubsparadies. In meiner Erinnerung das erste wirklich prägende Erlebnis, das mir nicht aus dem Kopf gehen will.

Zum ersten Mal in meinem damals jungen Leben erwachte in mir Fernweh. Ein damals unbekanntes Gefühl. Verbunden mit wunderschönen Erinnerungen. Statt Bargeld wurde das Wechselgeld beim Einkauf mit kleinen Süßigkeiten herausgegeben. Das freundliche ‘Ciao’ klang tausendmal besser wie ‘Tschüss’ und ‘Auf Wiedersehen’. Und noch heute liebe ich Pizza und Pasta und unvergessen geblieben ist das stundenlange Sitzen auf den Molen, um dabei die Füße im Meer baumeln zu lassen.

Fernweh – ein bislang unerfüllter Traum

Viele Jahre sind vergangen. Viele Jahre, in denen ich weder Fernweh noch Reiselust hatte. Doch die wunderbaren Erinnerungen einen noch viel wundervolleren Platz sind mir geblieben und haben jetzt einen besonderen Stellenwert in meinem Leben eingenommen. Gepaart mit der Erkenntnis, dass Träume ein wichtiges Lebenselixier sind. Ein Urlaub ist nicht nur eine Reise. Ein Urlaub kann das Leben nachhaltig verändern. Frönen Sie Ihrer Reiselust!

Leben auf dem Land

Raus aus der großen Stadt. Das war mein Motto. Aus dem Ruhrpott sind wir ausgewandert und haben uns für ein Leben auf dem Land entschieden. Frankreich war unser Zielland. Ein kleines Örtchen mit etwa 260 Einwohnern, keiner Infrastruktur und dem gewünschten Dorfidyll. Unser Leben hat sich von Grundauf geändert:

  • Knapp 600.000 Stadtbewohner einer Pott-Metropole haben wir hinter uns gelassen.
  • Von großen Supermärkten, Baumärkten und zentraler Lage haben wir uns verabschiedet.
  • Aus einer großen Stadtwohnung mit ätzenden Obermietern sind wir in ein großes Haus mit noch größerem Grundstück gezogen

Obwohl wir Stadtmenschen sind, haben wir uns vor der Auswanderung auf´s Leben auf dem Land sehr gefreut.

Als Stadtmensch auf dem Land?

Meine Kinder sind in der Stadt aufgewachsen und ich mag das urbane Treiben. Allerdings kenne ich aus meiner Kindheit das Leben auf dem Land und habe den Kindern viel darüber erzählt. Der Gedanke, nicht nur Deutschland zu verlassen, sondern auch der Stadt den Rücken zu kehren, wuchs heran. Es war nicht schwer, den Schritt zu wagen.

Oft werde ich gefragt, ob das so einfach geht. Ein Stadtmensch ist doch für das Leben auf dem Land gar nicht geeignet. Ja, es ist eine Umstellung. Viele Dinge laufen in ländlichen Regionen anders und man muss sich arrangieren.

Uns war es wichtig, einen großen Garten zu haben, in dem wir Hühner halten, Obst, Gemüse und Salat anpflanzen können. Unser Problem: Von all dem habe ich als Stadtmensch kaum Ahnung. Doch es gibt nichts, das man nicht lernen könnte.

Richtig leben auf dem Land – ein langer Weg

Uns ging es nicht darum, einfach nur ein Landhaus zu beziehen, einen Englischen Rasen im Garten zu haben, sondern wir wollen uns teilweise selbst versorgen, weil Eier aus dem Supermarkt nicht schmecken und selbst Obst und Gemüse kaum noch in guter Qualität gekauft werden können. Das Gärtnern und Bewirtschaften ist also ein wichtiger Teil unserer Vorstellung von einem Leben auf dem Land.

Vier Gärten haben wir, die uns momentan alles abverlangen. In den letzten Jahren passierte hier nicht viel. Für uns eine Herausforderung. Bevor wir den Garten so nutzen können, wie wir uns das vorstellen, gibt es viel zu tun.

Hilfe, wo bekommt man Gartengeräte her?

Wie erwähnt ist die Infrastruktur hier in der Region recht mau und selbst lokale Geschäfte haben nicht immer das, was man kaufen möchte. Große Städte gibt es hier nicht und obwohl hier alle ein Leben auf dem Land führen, ist die Suche nach Schippe, Spaten, Schubkarre und allem, was wir sonst so für die Gartenarbeit brauchen, echt mühsam. Zwar gibt es zwei “größere” Läden, die Hühnerställe, Hasenställe und Gartenmöbel haben, allerdings Gartenwerkzeug haben wir noch nicht entdeckt.

Wenn es um solche Dinge geht, versuchen wir es im Internet, da es zumindest ein paar Garten- und Baumärkte gibt. Aber auch das ist nicht immer ganz so einfach. Zumal wir die Landessprache noch nicht vollständig beherrschen. Mit dem Google Translater können wir Internetseiten von Gartenshops und Baumärkten übersetzen, allerdings wird´s bei Beschreibungen wie z. B. dem ‘tondeuse à gazon’ schwierig, da die Übersetzung dem Rasenmäher suspekte Produkteigenschaften zuweist.

Die Vorteile vom Leben auf dem Land

Das Landleben hat viele Vorteile. Zumindest dann, wenn man, so wie ich, dem Stadtleben überdrüssig geworden ist. Ich genieße die neue Freiheit.

Endlich wieder frische Luft

Langer Rede kurzer Sinn: In diesem Sommer wird das mit der erhofften Gartennutzung nichts mehr. Unser Gartenwerkzeug ist noch nicht vollständig und es gab mehr zu tun, als anfangs anzunehmen war. Macht nichts, denn so oder so: Wir lieben unser Leben auf dem Land.

Obwohl wirklich alles anders ist, fühlen wir uns freier als in der Ruhrpottmetropole mit knapp 600.000 Einwohnern. Die Luft hier ist einfach großartig und jeder Stadtmensch sollte einmal ganz weit weg von Industrie und Städten fahren, um durchzuatmen.

Als ich zum ersten Mal hier aus dem Auto ausgestiegen bin, war ich überwältigt. Es riecht hier unglaublich toll. Nicht nach Kuhmist oder Hühnerstall, sondern nach Natur. 10 Jahre Ruhrpott haben saubere Luft in Vergessenheit geraten lassen.

Keine Martinshörner mehr

Es ist ein ganz neues Lebensgefühl, niemand mehr über sich wohnen zu haben oder morgens die Rollläden hochzuziehen und direkt in die Natur zu schauen. Was ich wirklich sehr erdrückend in den Städten fand, waren all die Martinshörner, die ich im Laufe eines Tages zu hören bekam. Nicht, weil ich mich dadurch gestört fühlte, sondern weil jedesmal in mir der Gedanke aufkam: “Ist jemand etwas Schlimmes passiert?

Kinder lernen die Natur kennen

Ich finde es toll, dass meine Kids im letzten Jahr so viel über Tiere und Natur erfahren haben, wie es in der Stadt niemals möglich wäre. Sie streicheln Kühe, haben gesehen, wie Schäfchen und kleine Zicklein auf die Welt kommen. Haben Frösche, Hasen und Blindschleichen in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten können und dürfen bei den Nachbarn beim Aufsammeln der frisch gelegten Hühner- und Wachteleier helfen.

Eine ganz tolle Nachbarin, eine alte Dame, erklärt uns viel über das Leben auf dem Land. Tipps und Tricks, wie man Pflanzen nutzt, welche Pflanzen man zum Teekochen verwenden kann, woran man ungiftige Pilze erkennt und wie man Champignons von der Kuhweide stibitzen kann, ohne dass die Kühe zornig werden.

Nach dem Umzug auf´s Land: Vermissen wir die Stadt?

Nein! Tief im Herzen sind und bleiben wir Stadtmensch. Doch das Leben auf dem Land und die viele Gartenarbeit wollen wir nicht mehr hergeben. Was uns jetzt noch fehlt, ist der tolle Garten, den wir hoffentlich im nächsten Jahr soweit fertig haben, dass wir den Sommer unter freiem Himmel genießen können.

Seit einem Jahr habe ich keine Stadt mehr erlebt. Ich vermisse NICHTS. Wenn ich mir heute vorstelle, noch einmal die dreckige Luft riechen zu müssen, schüttelt es mich. Auch solche banalen Dinge wie Parkplatzsuche, Gehupe oder Bohrgeräusche aus der Nachbarwohnung brauche ich nicht mehr, weil diese Geräusche nerven.

Ist das Leben auf dem Land langweilig?

Iwo! Leise ist es hier nicht. Hier gackern die Hühner und wenn wir auf´s Klo gehen, hören wir vom Grundstück hinter unserem Haus die Ziegen meckern und die Pferde wiehern. Die großen Traktoren und Landmaschinen der Bauern fahren hier, wenn das Feld es erfordert und das Wetter es nötig macht. Auch Sonntags, an Feiertagen und bis in den späten Abend hinein. Na und?

Die Nachbarn hacken Holz, wenn das Wetter gut ist und die Holzlieferung eintrifft. Wann immer das ist. Statt zu mosern und sich über Ruhestörung zu beklagen, schnappt man die Axt, geht rüber und hilft.

Jeden Tag passiert etwas. Etwas positives, lustiges oder einfach für uns etwas Neues. Die Kinder finden Maikäfer, ein Katzenbaby miaut vor der Haustür und bittet um Einlass, Blindschleichen wuseln durch den Garten, die Walderdbeeren sind reif, oder es geht wieder in den Hühnerstall, um Eier zu holen. Hier lebt man wirklich.

Als Frau auswandern

Leben im Ausland – Folge deinem Traum. Im deutschen TV gibt es gleich mehrere Formate, die sich mit dem Thema Auswanderung beschäftigen. Einerseits hegen viele Menschen diesen Traum, der Deutschland den Rücken zu kehren, andererseits zeigen diese TV-Formate, dass es nicht immer einfach ist, diesen Traum zu erfüllen. Selten wollen Frauen auswandern, wenn sie keinen starken Partner an ihrer Seite haben. Der Umzug in ein fremdes Land ist ein Wagnis mit vielen Unbekannten. Ein Wagnis, bei dem viel schief gehen kann und ist wohl einer der typischen Träume, die man am liebsten als Paar realisieren möchte.

Wie ich es in diesem Beitrag schon erwähnte, war meine Auswanderung ein lang gehegter Traum meines Mannes und mir. Erst waren es die üblichen Bedenken, die uns abhielten. Zu wenig Geld, die Kinder sind noch zu klein. Wir beherrschten keine Fremdsprache gut genug und außerdem würden wir ältere Verwandte zurücklassen. Ein konkretes Ziel für das Leben im Ausland gab es ebenfalls noch nicht. Mein Mann mochte es sonnig, ich bin Fan des Winters. Dann verstarb mein Mann.

Es war klar, entweder würde ich mit seinem Tod den gemeinsamen Traum an den Nagel hängen oder ich würde es JETZT tun. Auch, wenn nur wenige Frauen auswandern, also alleine, und ich mich gar nicht mehr richtig vorbereiten konnte, war mir mit einem Male alles egal. Raus. Weg. Traum erfüllen. Ob ich in Deutschland mein Leben und das der Kinder organisiere oder im Ausland – das würde keine Rolle spielen.

Zwei Monate nach dem Tod meines Mannes

Ich packte unsere Sachen, baute Möbel ab, suchte ein schönes Haus in Frankreich und schwups, weg war ich. In mir machte sich Aufbruchstimmung breit. Schnell und ohne Zweifel. Es war keine Flucht vor der neuen Lebenssituation. Es war keine Flucht aus der Trauer. Es war die Erkenntnis, dass man eigene Träume realisieren muss. Jeden Tag kann es dafür zu spät sein. Der Tod meines Mannes war nicht der Grund, er war lediglich der Impuls, dass wir und für das Leben im Ausland entschieden.

Mir fiel es nicht schwer, Deutschland den Rücken zu kehren. Ich vermisse nichts. Nur wenige Stunden, nachdem mein Mann verstorben war, fiel meine Entscheidung, die ich sofort meinen Kindern mitteilte.

Sie fanden es gut. Wenn wir die Fahrräder, die Meerschweinchen und die Katzen mitnehmen. Mein Sohn, der große, bereits in eigener Wohnung, unabhängig und beruflich gut unter, wollte mit kommen. Wohl die schönste Ehre, die einer Mutter zuteil werden kann.

Warum Männer und Frauen auswandern

Wenn Frauen auswandern, folgen sie dem Ruf ihres Herzens. Sie wandern aus tiefer Überzeugung aus und tun dies nur dann, wenn sie innerlich dazu bereit sind. Während Männer häufig ihren beruflichen Erfolg mit einer Auswanderung zementieren. Am Ende ihres beruflichen Laufbahn. Das Sahnehäubchen.

In meinem Umfeld gibt es eine Kollegin, die etwa zur gleichen Zeit auswanderte. Sie unternahm diesen großen Schritt gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Bei ihnen wurde die Auswanderung lange geplant und doch kam die Realisierung relativ spontan. Bei mir war es nur spontan. Doch der Wunsch war schon viele Jahre tief in mir verwurzelt und mir war klar, dass ich nicht den Rest meines Lebens in Deutschland verbringen wollte.

Wenn Frauen auswandern – folgt das Alltags-Abenteuer

Werde ich nach Gründen gefragt, warum Frauen auswandern und warum ich ausgewandert bin, fallen mir viele ein. Das Wetter. Der Wunsch nach beruflicher Veränderung. Die Kultur. Das Essen. Politische Verhältnisse. Flucht vor sich selbst. Bei mir war es nichts von alledem. Ich will nicht dorthin, wo die Sonne ewig scheint. Mein Job ist klasse. Politische Verhältnisse sind anderswo auch nicht besser. Und wer selbst kochen kann, dem schmeckt es überall. Es war einfach die Lust auf Veränderung.

46 Tage – bis zum Tag X

Zwischen dem Tod meines Mannes und dem Tag meiner Auswanderung liegen 46 Tage. Wenn schon, dann richtig. Der Moment, in dem ich das letzte Mal die Tür in Deutschland hinter mir zu zog, war ein wahnsinnig geiles Gefühl. Vor uns lag eine lange Fahrt in das neue Haus. In einen kleinen Ort in Frankreich, in dem alles neu und ungewohnt sein würde.

Der große Sohn fuhr mit meiner Tochter vor. Der kleine Sohn und ich einen Tag später hinterher. Wir kamen nachts an. In ein dunkles Haus ohne Lampen, aber wenigstens mit Strom. Vom Garten sah ich nichts und doch war es ein großartiges Gefühl, zum ersten Mal das Tor auf unser Grundstück zu öffnen und mit dem Schlüssel unser neues, aber noch kahles Nest aufzuschließen.

Die Nacht ging irgendwo zwischen Umzugskisten, Pappbechern, leeren Wasser- und Colaflaschen viel zu langsam vorbei. Es hätte schneller sein dürfen, bis am ersten Tag in Frankreich die Sonne aufzog und wir anfangen konnten, uns einzurichten. Die Zimmer zu verteilen. Die Bilder aufzuhängen. Bilder aufhängen. Das erste, was ich schon immer getan habe, wenn wir umgezogen sind. Dort, wo meine Bilder sind, bin ich zuhause. Kaum angekommen, waren wir auch schon angekommen.

Jetzt bist du angekommen

Geht es darum, dass Frauen auswandern, geht es auch darum, dass sie das Familiennest neu aufbauen müssen. Ob man ausgewandert ist oder umgezogen ist – das Chaos der ersten Tage ist immer das gleiche. Umzugskisten, provisorische Sitzgelegenheiten, kochen auf dem Campinggrill. Die Zimmer müssen verteilt und dann eingerichtet werden. Im Haus zeigte sich schnell: So, wie wir es geplant hatten, fanden wir es doof. Neuplanung. Du nach oben, sie nach unten. Die Büros doch nicht hinten, sondern direkt in der Nähe des Eingangsbereichs. Da scheint keine Sonne. Egal. Dann blendet es nicht auf die Monitore. Oder doch lieber auf die Südseite? Egal. Nichts, was wir später nicht ändern könnten.

17 Zimmer. Die Hälfte steht leer. Unterm Dach wird keins genutzt. Warum auch. Es ist so viel Platz. Wer putzt eigentlich die ganzen Fenster? Und was ist mit den alten Gardinen, die ich so liebte? Sie passen nicht. Für alle Zimmer werden wir neue Gardinen brauchen. Wenn Frauen auswandern, sind Gardinen wichtig. Immens wichtig. 41 neue Gardinen. Wo bekommt man die so schnell her, wenn sie alle gleich sein sollen? Wie kann eine Frau auf die Schnelle 41 neue Gardinen finden? Die sollen schließlich gefallen. Ehe wir uns versahen, merkte ich mitten drin:

“Jetzt bist du angekommen!”

Was? So schnell geht das? So flott sagst du “zuhause”? Ich ärgerte mich. 46 Tage, ein paar Stunden. Schon war das neue Haus in einem fremden Land unser Zuhause geworden. Die ältere Dame von nebenan, wuselte im Garten herum. Immer mit Blick zu uns herüber. “Wer wohl die Neuen sind?” – hatte sie sich damals wohl gefragt. Und uns einfach freundlich und lachend zugewunken. So einfach kommt man an. Das Leben im Ausland hat begonnen. Schnell, unkompliziert. Mensch, warum haben mein Mann und ich diesen Schritt nicht schon vor 20 oder wenigstens vor 10 Jahren gewagt???

Telefon, Internet und Strom

An Tag zwei ging es um die wirklich elementaren Dinge. Telefon, Internet und Strom. Angemeldet hatten wir alles. Den Router hatten wir schon von Deutschland aus besorgt und in den drei wichtigsten Umzugskisten – gekennzeichnet mit XXX – ganz oben verpackt. Mit einer Umzugsfirma in der Familie ist das Packen der Kartons einfach Routine. Etwas anderes ist es, einen Router ohne Bedienungsanleitung und ohne Telefonsupport zum Laufen zu bekommen. Nichts ging und erst, als wir in den Shop des Anbieters fuhren, wurden wir schlauer. Irgendetwas stimmt mit der Leitung nicht. Mit einem Internetstick überbrückte man unseren Internetzugang, bis der Service raus kam. Freundlich. Sind die Menschen hier freundlich. Auch, wenn die Franzosen die Deutschen nicht mögen.

Nach dem ersten Monat standen die ersten Rechnungen an. Ein Wust, zum Durchkämpfen, bis ich sie bezahlen konnte. In Frankreich wird nicht überwiesen. Es wird mit TIP, per Scheck oder per Telefon bezahlt. Vorher muss man bei Strom- und Internetanbietern das Bankkonto akkreditieren. TIP ist einfach, wenn man weiß, wie viel das Porto kostet und wo die nächste Post ist.

Die Eingewöhnungsphase

An unser neues Haus gewöhnten wir uns schnell. In den ersten 3 Nächten lagen wir wach. Die Geräusche, die man noch nicht kennt. Ein lautes Scheppern. Mitten in der Nacht. 30 Minuten später. Ein lautes, anhaltendes Grummeln. Knacksen hier, Ächzen da. Sicherungskasten, Heizung und Holz. Die Schuldigen. Längst hören wir sie nicht mehr.

Ein leises Klingeln ertönt. Wird immer lauter. Montags und Donnerstags um 10 Uhr. Dienstags und Freitags um 12 Uhr. Und nochmal Dienstags um 14 Uhr und Freitags um 17 Uhr. Was ist das? Bäcker und Metzger. Hier werden die Franzosen und Auswanderer mit frischen Produkten direkt vor der Haustür versorgt. Hausgemachte Produkte. Frisches Baguette, feine Fleischwaren. Frische Eier von Hühnern des Bauern nebenan. Hühner, die genauso glücklich leben, wie die Menschen hier im Ort. Inzwischen sind wir mit Bäcker und Metzger auf Du & Du. Beide haben ihre Tour für uns geändert und halten direkt vor unserem Haus. Selbst an Feiertagen kommen Sie und hängen die Tüte an die Haustür. Das, ja genau DAS ist es, warum Frauen auswandern. Meine Kinder lieben es. Ich liebe es.

Upgrade der Lebensqualität

Wenn Paare, Männer oder Frauen auswandern, wünschen sie sich natürlich eine Veränderung. Eine Auswanderung ist dazu die passende Gelegenheit, denn es verändert sich wirklich viel.

Zum Einkauf geht es mit Duden oder Dolmetscher. Formulare füllen wir mit dem Google Translater aus und die ältere Dame, die am ersten Tag so fröhlich herüber winkte, ist längst eine herzliche Freundin der Familie geworden. In Woche eins zogen zwei neue Kätzchen bei uns ein. Französische Miezen, die ganz anders miauen, wie unsere beiden Katzen aus Deutschland. In Monat drei miaute ein kleines mit Flöhen besiedeltes Katerchen vor unserer Haustür und bat hungrig und siegessicher um Einlass. Den Weg zur Zoohandlung kannten wir zum Glück schon.

Unsere komplette Ernährung hat sich umgestellt. Alle Produkte sind hier anders. Zwar gibt es viele Markenprodukte, die wir aus Deutschland kennen. Doch wir lassen uns auf das Leben im Auslandein und verwenden Produkte der Region, die verdammt lecker sind. Manche Lebensmittel sind nicht unser Fall. Normal. Doch wir haben so viele neue Lieblingsleckereien gefunden, dass wir typisch deutsches Essen nicht entbehren. Nur manchmal. Am Anfang. Hier lebt man kulinarisch wirklich wie Gott in Frankreich. Was in Deutschland den meisten Menschen als teure Delikatesse verwehrt bleibt, gehört hier zum Standard.

Bei uns gab es nur eine negative Veränderung – der Schulalltag. In Frankreich gehen alle Kinder zur Ganztagsschule. Länger, wie die meisten Menschen in Deutschland arbeiten. Das Bildungsniveau: Schlecht. Meine Kinder haben jetzt Privatunterricht zuhause. Nachdem sie innerhalb von kürzester Zeit Augenringe bekamen. Es blieb ihnen weder Freizeit noch ausreichend Zeit zum Schlafen.

Manchmal spürt man, dass Franzosen Deutsche nicht mögen. Insbesondere an der Schule war das zu spüren. Hier im Ort sind die Menschen freundlich und die Kinder lieben es hier, denn hier laufen die Uhren anders und alles ist weniger stressig. Wir haben eine ganz tolle Privatlehrerin gefunden, die nicht einfach ihre Stunden abreißt, sondern richtig gut ist und auf ganz besondere Weise ihren Unterricht gestaltet. Die Kids haben Spaß zu lernen und freuen sich auf die Lehrerin.

Hier ticken die Uhren anders

Hier rennen die Menschen nicht mit Übereifer dem übervollen Terminkalender nach, sondern kommen regelmäßig zu spät und manchmal auch gar nicht. Im Winter, wenn es schneit und der Schulbus nicht fährt, bleiben Kinder aus den Orten eben zuhause. Ob der Bäcker Montags pünktlich um 10 Uhr klingelt oder erst um 12 – das ist völlig schnuppe. Solang er nur kommt und das Baguette frisch aus dem Ofen geholt wurde.

Ja, wir sind angekommen! So geht Leben, so geht das Gefühl von Freiheit. Schade, dass wir diesem Traum erst 2014 gefolgt sind und nicht schon viel früher. Eins ist klar: Auf die nächste Traumerfüllung warten meine Kinder und ich nicht lange. Wir werden künftig jede Gelegenheit am Schopfe packen. Das Leben im Ausland, hier in Frankreich, ist ein schöner Lebensabschnitt. Welcher wird wohl der nächste Traum sein, den wir uns als Familie erfüllen?

Frische Eier – Keins gleicht dem anderen

Gleicht wirklich ein Ei dem anderen? Ich erinnere mich an meine Kindheit. Als wöchentlich der Bauer mit einem Verkaufs-LKW durch den Ort fuhr, um frische Landprodukte zu verkaufen. Meine Mutter schwor auf diese und kaufte immer frische Eier bei eben jenem Bauer.

Eier aus dem Supermarkt: Ekel, statt Genuss

Irgendwann zog ich aus und somit war meine Einkaufsgelegenheit für frische Eier vom Bauern nicht mehr gegeben. Ich war gezwungen, Hühnereier im Supermarkt zu kaufen. Mein Eierkonsum ging beachtlich zurück, denn statt leckerem Ei-Geschmack schmeckten die Supermarkteier nach Fischmehl. Widerlich!

Selbst die Kids konnten diesen Eiern nichts abgewinnen. Erst durch unsere Auswanderung nach Frankreich kamen wir wieder in den Genuss, frische Eier direkt vom Hühnerhof zu bekommen. Doch nicht aus Massentierhaltung, sondern von glücklichen Hühnern aus privater Haltung.

Glückliche Hühner für leckere frische Eier!

Die frischen Hühnereier und Vögeleier, die wir hier bekommen, dürften der EU ziemlich gegen den Strich gehen. Denn die sind eigenwillig und fügen sich in keine EU-Norm ein. Die Landhühner aus unserem kleinen und beschaulichen 260 Seelendorf halten sich nicht an Maßvorgaben, wie groß, oval und schwer so ein Ei zu sein hat oder wie dick die EU-Norm-Eierschale zu sein hat.

Und auch bei der Farbe der Eier geht es nicht nach EU-Norm zu. Die Dorfhühner machen, was sie wollen. Kein Ei gleicht dem anderen und keins der französischen Eier ist mit Supermarkteiern zu vergleichen. Sogar Federn und Hühnerkacke hängt noch dran! Beim Backen ist das mit der unterschiedlichen Größe zwar gewöhnungsbedürftig, aber dafür schmecken unsere Eier so super, dass mir das egal ist.

Natürliche Haltung – beste Qualität

Als Stadtmenschen haben wir in Deutschland nicht viel über Hühnerhaltung erfahren. Wie auch? Mit unserer Auswanderung haben wir uns für ein Leben auf dem Land entschieden und es dauerte nicht lange, bis meine Kinder alle Hühner, Kühe, Ziegen und Schafe des kleinen Orts kannten.

Wann immer hier ein Lämmchen geboren oder kleines Zicklein die Welt erblickt, erfahre ich es von den Kindern. Für sie ist das Leben auf dem Land einfach toll. Gerade gestern ist ein Kälbchen ausgebüxt und lief direkt an meinem Bürofenster vorbei – ein tolles und unvergessliches Erlebnis für mich und meine Kinder.

Mit Kindern auf dem Dorf leben

Die Menschen hier im kleinen Dorf sind klasse. Nicht alle, aber viele. Die Kinder können die Tiere anschauen, die Besitzer mit Fragen löchern und so erfahren die Kids viel, wie man Hühner und Wachteln wirklich gut hält, wie sie gesund und verantwortlich ernährt werden. Einfach alles, was man wissen muss.

Dabei lernen nicht nur die Kinder enorm viel, sondern ich als Mutter ebenfalls. Bislang wußte ich nicht, wie gravierend die Unterschiede frischer Eier sein können. So gibt es eigens Hühnereier, die wenig Cholesterin haben. Sie sehen ganz anders aus und schmecken anders. Wie wenig ein Ei dem anderen gleicht, zeigt auch dieses Bild. Das braune Ei ist das, welches nur wenig Cholesterin hat. Daneben ein ganz normales Hühnerei, unten drunter frische Eier von Seidenhühnern aus Freilandhaltung.

Auf dem Dorf ist die Ernährung gesünder

Was in Deutschland als Delikatesse gilt, ist hier im Ort ganz normal. So zählen Wachteleier ganz normal zur Ernährung dazu und fast jeder hat kleine Wachteln im Garten.

Die kleinen Eier der Wachtel sind nur ein Bruchteil so groß wie herkömmliche Hühnereier, sind wirklich mühsam zu schälen, schmecken dafür um ein Vielfaches besser als das einfache Hühnerei.

Die winzigen Wachteleier sind einfach schön anzusehen und es lohnt sich, ihre Schale mühsam anzuknibbeln. Die Frau, von der wir die leckeren Wachteleier bekamen, kochte ein paar der Eier, um meiner Tochter zu zeigen, wie man sie richtig schält.

Ganz frische Eier haben noch keine Luftblase und daher sitzt die Eihaut noch fest am Ei. Nur, wenn man unten eine Delle ins Ei schlägt, um die viel dünnere Eischale mit der Haut abzuziehen, bleibt das Wachtelei ganz. Aha. Eier, die gut zu schälen gehen, sind also gar keine frischen Eier!

Was frische Eier mit Lifestyle zu tun haben

Lifestyle wird oft auf “Schickimicki” reduziert und die Menschen sind sich nicht bewusst, das Lifestyle die Art zu Leben ist. Ist es Leben, sich mit alten Eiern zu ernähren? Mit Eiern, bei denen EU-Normen dafür sorgen, dass ein Ei dem anderen gleicht? Nein! Natürlich nicht.

Leben heißt, individuell zu sein. Das Leben so zu gestalten, dass man Lebensqualität erfährt, seinen eigenen Stil durchzieht und nicht alles in irgendeine geisteskranke Norm presst. Dazu zählt auch, Nutztiere nicht in enge Käfige zu zwängen, sie nicht mit Fischmehl zu mästen und sie nicht ihrer Freiheit zu berauben. Hier auf dem Land haben die Menschen einen anderen Bezug zu ihren Tieren und auch zu ihren regionalen Produkten.

Für uns bedeutet das Auswandern auf´s Land mehr, als nur die Ausreise aus Deutschland. Wir haben unserem Leben ein Upgrade verpasst. Ein Upgrade in ein Stückchen – noch – heilere Welt. Wo Tiere noch tiergerecht leben dürfen. Wo Menschen sich noch nicht einer kranken EU-Norm unterwerfen und Gurken nach Schablonen biegen oder Eier auf Einheitsmaß züchten. Unser Lifestyle lässt es zu, dass frische Eier nach leckerem Ei schmecken. Ein Lifestyle, bei dem es (noch) kein krankes Streben nach Perfektion gibt.

Träume realisieren – Bevor es zu spät ist

Auf in ein neues Leben! Fast schon in einer Nacht und Nebel Aktion brach ich mit meiner Familie alle Zelte ab und wanderte aus. Viel Zeit für Vorbereitung blieb nicht. Immer werde ich gefragt, was mich nach Frankreich verschlagen hat, wie wir es geschafft haben und vor allem taucht immer wieder die Frage auf, was uns dazu bewegt hat. Es war die Erkenntnis, dass man Träume realisieren muss, bevor es zu spät ist. Zu spät war es für meinen Mann. Zusammen mit ihm wollte ich viele Träume realisieren. Einer davon war der Wunsch auszuwandern. Ein neues Leben in einem Land unserer Wahl zu führen. Am 24. Juni 2014 endete dieser Traum.

Träume realisieren – nie der richtige Zeitpunkt

Fast alle Menschen haben Ziele im Leben und wollen Träume realisieren. Oft lässt sich ein Traum nicht ohne Weiteres wahr machen. Entweder fehlt das Geld, die Kinder sind zu klein, der Job lässt es nicht zu oder, oder, oder. Es gibt immer etwas, was die Traumrealisierung verhindert. Der Zeitpunkt, um endlich eigene Träume realisieren zu können, ist immer unpassend. Bis es zu spät ist.

Alte Menschen blicken auf ihr Leben zurück und müssen feststellen, dass sie Chancen verpasst oder nicht wahrgenommen haben. Sie blicken zurück und denken sich:

“Ach, hätte ich nur etwas anders gemacht!”

Oder es geht ihnen wir mir und meinem Mann. Er kann niemals mehr ein neues Leben anfangen. Sein Leben wurde beendet. Ich bleibe zurück und muss meinen und den Weg unserer Kinder alleine gehen. Wie oft denke ich darüber nach, ob ich mich ärgern muss. Hätte…, wäre…, wenn… ?

Ja, was hätte ich anders machen können. Was wäre, wenn ich es getan hätte? Wir? Wäre es dann anders gekommen? Hätte uns das Schicksal verschont? Würden wir heute glücklich im Ausland leben? Ja, vielleicht. Vielleicht nicht. Wer weiß das schon?

Was ich heute anders machen würde

Der Wunsch des Auswanderns ist nun wirklich kein kleiner. Es bedeutet, alte Zelte abzubrechen. Freunde, Familie und alles, was man mag, zurückzulassen. Vielleicht auch den Job aufgeben. Die Angst vorm Scheitern ist ein Hindernis. Kein kleines. Wird man es in einem anderen Land schaffen, sich ein neues Leben aufzubauen? Sich zu integrieren? Fuß zu fassen?

All diese Fragen waren es nicht, die mein Mann und mich davon abhielten, den großen Schritt zu wagen. Es waren finanzielle Gründe. Wir hatten keine Polster und wollten diesen unserer Träume realisieren, wenn wir genug Geld für ein solches Abenteuer gehabt hätten. Wir lebten nicht schlecht. Aber ohne finanzielles Polster war es uns zu gewagt. 20 Jahre lang. 20 Jahre hatten wir diesen gemeinsamen Traum. Doch erfüllt haben wir ihn nicht. Nicht gemeinsam.

Die Uhr zurückdrehen. Das ist es, was ich mir wünsche. Die Uhr 20 Jahre zurückstellen und noch vor der Geburt unseres ersten Kindes mit oder ohne Geld in der Hand Deutschland den Rücken kehren. Ziel – egal wo. Nur raus aus einem Land, das sich Demokratie nennt, aber davon sich immer weiter entfernt.

Wir wollten ein altes Haus. Eins, an dem es viel zu tun gibt. Denn mein Mann vom Fach wollte meine Wünsche erfüllen. Wünsche, wie unser Familiennest sein sollte. Mit dem Wohlfühlcharme, den ein Neubau niemals vermitteln könnte. Ein Haus mit Natursteinmauern. Außen, vor allem aber innen. Denn ich liebte die Handwerkskunst meines Mannes.

Könnte ich die Uhr zurückdrehen, dann würde ich keinen Moment zögern, meine Hand in seine zu legen und mit Kind und Kegel unserem Traum entgegenzurennen. Lieber 20 Jahre zu früh, als eine Sekunde zu spät.